Bild von Prof. Dr. Baerwald

Interview mit Prof. Baerwald: Schmerz darf nicht chronisch werden!

Für viele Patienten mit einer rheumatischen Erkrankung gehören Schmerzen zum Alltag. Im schlimmsten Fall können sie sogar chronisch werden. Professor Dr. Christoph Baerwald vom Universitätsklinikum Leipzig erklärt im Interview, welche Mittel und Wege es aus dem Schmerzkreislauf gibt.

 

 

Herr Professor Baerwald, warum spüren Menschen überhaupt Schmerzen?

Dr. Baerwald: Schmerz ist eigentlich ein überlebenswichtiges Warnsignal. Er zeigt uns, dass im Körper etwas nicht stimmt und wir entsprechend handeln sollten. Das kann eine einfache Verletzung sein, zum Beispiel eine kleine Schnittwunde, oder – wie etwa bei rheumatischen Erkrankungen – eine Entzündung.

 

Wie unterscheiden sich akuter und chronischer Schmerz?

Dr. Baerwald: Akuter Schmerz ist das beschriebene Warnsignal. Von chronischem Schmerz spricht man dagegen, wenn der Warncharakter fehlt oder die Ursache des Schmerzes nicht mehr fassbar ist. Im Grunde ist dann nur noch der Schmerz da, ohne Funktion und ohne Auslöser.

 

Wie werden Schmerzen chronisch?

Dr. Baerwald: Man nimmt an, dass es zwei Mechanismen gibt. Der eine ist die sogenannte periphere Sensitivierung. Wenn ein Schmerz lange anhält, etwa weil die Ursache nicht behoben wird, werden die schmerzleitenden Nervenfasern im Rückenmark immer empfindlicher und signalisieren schon bei niedrigschwelligen Reizen Schmerz. Es kann aber auch sein, dass ein Nerv zerstört wird und dann dauernd Schmerzsignale sendet, obwohl es eigentlich keinen Schmerzauslöser gibt. Der zweite Mechanismus spielt sich im Gehirn ab. Hier kann es zur zentralen Sensitivierung kommen, bei der sich die Schmerzareale im Gehirn ausbreiten.

 

Wie lässt sich einer Chronifizierung entgegenwirken?

Dr. Baerwald: Indem man versucht, die Ursache eines Schmerzes so frühzeitig zu behandeln, dass er nicht chronisch werden kann. Und wenn es doch zu einer Chronifizierung gekommen ist, kann man in einer spezialisierten Schmerzklinik mit den verschiedenen Möglichkeiten der Schmerztherapie versuchen, das Schmerzniveau zu senken.

 

Sind Rheumapatienten Schmerzpatienten?

Dr. Baerwald: Unter Rheuma werden sehr viele Erkrankungen zusammengefasst, denen eine chronische Entzündung zugrunde liegt. Wenn wir uns auf die Rheumatoide Arthritis konzentrieren, dann ist es zunächst einmal eine Entzündung der Gelenke. Mit Hilfe von Medikamenten und anderen Maßnahmen gelingt es oft, die Entzündung in Schach zu halten und zurückzudrängen. Damit lassen dann auch die Schmerzen meist wieder nach. Es gibt aber auch Patienten, bei denen der Schmerz bestehen bleibt, also chronisch wird. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Erkrankung schon länger besteht oder die Therapie nicht so erfolgreich ist. Diese Patienten können dann durchaus als Schmerzpatienten gelten. Hier muss man dann entsprechend den Schmerz behandeln.

 

Welche Möglichkeiten gibt es hier?

Dr. Baerwald: Zunächst einmal sind das Medikamente. Bei einer Rheumatoiden Arthritis wird die Entzündung mit den entsprechenden Basismedikamenten bekämpft. Klassische Schmerzmittel, also die sogenannten nichtsteroidalen Antirheumatika, kommen eher begleitend zum Einsatz. Deshalb ist die Schmerztherapie bei Rheumatoider Arthritis auch eher eine Begleittherapie.

 

Viele Patienten haben bei Schmerzmitteln Angst vor den Nebenwirkungen. Warum ist diese eigentlich unbegründet?

Dr. Baerwald: Erst einmal sollen Schmerzmittel in der Regel nicht dauerhaft, sondern nur bei Bedarf genommen werden. Und die meisten sind prinzipiell gut verträglich. Vor allem die sogenannten Coxibe haben weniger Nebenwirkungen für den Magen. Bei den häufig gefürchteten Opiaten ist es so, dass sie gar keine organbezogenen Nebenwirkungen haben, aber zentralnervöse Nebenwirkungen wie z.B. Schwindel auftreten können. Man muss sie aber kontinuierlich nehmen, um einen Effekt zu erzielen. Dabei kann es zu einem Gewöhnungseffekt kommen. Aber wenn man die Medikamente nach einem genau festgelegten Therapieplan einnimmt und auch wieder absetzt, kann hier eigentlich nichts passieren. Für den Patienten ist wichtig zu wissen, dass es verschiedene Arten von Schmerzmitteln gibt. Wenn er das eine nicht so gut verträgt, kann er seinen Arzt darauf ansprechen und ihn nach einem anderen Mittel fragen.

 

Gibt es noch andere Maßnahmen?

Dr. Baerwald: Ja, es gibt physiotherapeutische Verfahren. Studien zeigen zum Beispiel, dass eine spezielle Trainingstherapie, bei der Patienten im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktiv werden, positive Effekte haben kann. Und auch psychologische Therapieverfahren wie Gesprächstherapie, Entspannungstherapie, kognitive Verhaltenstherapie, Meditation, oder Autogenes Training kommen infrage. Generell muss jeder Patient für sich herausfinden, welche Methode zu ihm passt.

 

Wo können Patienten diese Angebote wahrnehmen?

Dr. Baerwald: Das geht natürlich in einer spezialisierten Schmerzklinik. Hier finden die Patienten ein breites Angebot und können verschiedene Dinge ausprobieren. Aber auch der behandelnde Rheumatologe kann seinen Patienten Angebote und Ansprechpartner nennen – meist sogar vor der eigenen Haustür.