Multimodale Schmerztherapie bei Rheuma

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Schmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität enorm. Gerade Rheumapatienten wissen, dass sich bei Schmerzen der ganze Körper nach wirkungsvoller Hilfe sehnt. Welchen Nutzen hat die physikalische Therapie bei rheumatischen Schmerzen? Rheumahelden sprach dazu mit Prof. Dr. med. Uwe Lange. Er lehrt an der Justus-Liebig Universität Gießen und praktiziert an der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim als leitender Oberarzt der Rheumatologie. Und er hat sich auf die multimodale Schmerztherapie bei Rheuma spezialisiert.

Rheumahelden: Schmerzen bei Rheuma verlangen nach gezielter und effizienter Linderung. Was versteht man unter „Multimodale Schmerztherapie bei Rheuma“?

Prof. Dr. Lange: Eine multimodale Schmerztherapie bei Rheuma ist eine Schmerzbehandlung, die verschiedene Therapieoptionen kombiniert. Besonders für Rheumapatienten ist eine vielfältige rheumatologische Behandlung geeignet, die sich aus ergänzenden Teilen zusammensetzt. Zu ihr zählen etwa Physiotherapie mit physikalischer Therapie, Ergotherapie, Schmerztherapie, kognitive Verhaltenstherapie und Psychotherapie. Bei der multimodalen Schmerztherapie bei Rheuma müssen aus diesen Therapiebereichen mindestens drei ausgewählt werden. Diese Therapien werden dann mit einer bestimmten Stundenanzahl pro Woche durchgeführt. Somit ist eine hohe Therapiedichte und -intensität gewährleistet.

Sie haben sich auf die Fachbereiche „Physikalische Therapie“ und „Balneologie“ spezialisiert. Können Sie kurz beschreiben, was sich dahinter verbirgt?

Prof. Dr. Lange: Die physikalische Therapie umfasst die verschiedenen Therapieverfahren der physikalischen Medizin. Zu ihr zählen Wärme- und Kältemaßnahmen, Lichttherapie, Elektrotherapie, Krankengymnastik oder Ergotherapie.
Balneologie hingegen bedeutet Bäderheilkunde. Dabei handelt es  sich um Anwendungen und ortsgebundene Kurmittel wie Heilquellen, Heilpackungen oder Heilgase. Innerhalb der Balneologie vertrete ich besonders zwei Bereiche: Zum einen die Klimatologie – sie macht sich einen Klimawechsel mit seinen Wirkungen auf den menschlichen Körper zunutze. Zum anderen auch die Thalassotherapie – sie basiert auf den positiven Auswirkungen von Meerwasser auf den Organismus.

Wie können diese Therapien Schmerzen lindern?

Prof. Dr. Lange: Wenn wir eine Muskelverspannung haben, behandeln wir sie fast automatisch mit Wärme, weil so die Muskeln wieder geschmeidiger werden. Nimmt die Muskelverspannung ab, nimmt auch der Schmerz wieder ab. Spürt jemand hingegen entzündliche Schmerzen in einem Gelenk, wählt er meist eine lokale Kältetherapie. Durch die natürliche oberflächliche Anästhesie erzielt er zeitgleich Schmerzlinderung und Entzündungshemmung. Die einzelnen Therapieverfahren greifen diese Wirkmechanismen auf. Sie sorgen dafür, dass die gestörte Struktur wieder in eine normale Struktur überführt wird und dadurch weniger Schmerz entsteht.

Eignen sich diese Behandlungsmethoden auch für Rheumapatienten – und wenn ja, warum?

Prof. Dr. Lange: Ja, sie eignen sich unbedingt für Rheumapatienten. Denn alle Verfahren der physikalischen Medizin lindern Schmerzen, verbessern die Durchblutung, dämpfen die Entzündung und verbessern die Muskelkraft und die Belastbarkeit der Gelenke. Zudem können sie auch vorsorglich eingesetzt werden: vor Operationen, nach Operationen oder wenn Funktions- und Bewegungseinschränkungen der Gelenke (Kontrakturen) entstehen. Sie orientieren sich an den konkreten Bedürfnissen des Patienten. Außerdem haben sie keine eventuellen Nebenwirkungen wie eine Schmerzmedikation.

Was würden Sie Rheumapatienten in puncto Schmerztherapie raten? Wie erhalten sie Zugang zu der passenden Therapie?

Prof. Dr. Lange: Eine multimodale Schmerztherapie kann stationär erfolgen, meist mit elf Stunden pro Woche, sprich akut-rheumatologisch-stationär. Auch im Rahmen einer Rehabilitationsmaßnahme kann diese Behandlung eingesetzt werden. Die rheumatologisch-rehabilitative Variante kann dann sowohl in einer stationären als auch ambulanten Rehabilitationsmaßnahme stattfinden. Die dritte Alternative ist die Verordnung durch den Hausarzt, durch den betreuenden Orthopäden oder Rheumatologen. In diesem Fall erfolgt die Durchführung ambulant.
Es ist ganz wichtig darauf hinzuweisen, dass seit Dezember 2012 physikalische Therapieverordnungen nach Heilmittelkatalog bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen extra budgetiert sind. Das heißt: Ärzte dürfen es verordnen, ohne ihr Praxis-Budget zu belasten. Mit einer rheumatisch-entzündlichen Erkrankung hat ein Patient nach dem fünften Sozialgesetzbuch ein Anrecht auf diese Verordnung. Jüngste Publikationen zeigen eindeutig, dass das Potenzial der ambulanten Verordnung absolut nicht ausgeschöpft wird. Rheumapatienten kann ich daher nur empfehlen, ihren behandelnden Arzt auf eine physikalische Therapie anzusprechen.

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