Interview mit Prof. Kuipers: Aktives Leben mit Fatigue

Müde, ausgelaugt, antriebslos und nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen: Viele Patienten mit einer rheumatischen Erkrankung haben mit dem Gefühl der dauerhaften Erschöpfung zu kämpfen. Selbst Ruhepausen oder ausreichend Schlaf bringen keine Verbesserung. Mediziner nennen diesen Zustand Fatigue, ein englischer als auch französischer Begriff, der sich mit Müdigkeit oder Erschöpfung übersetzen lässt. In unserem Interview erklärt Prof. Dr. med. Jens Gert Kuipers, Chefarzt der Klinik für internistische Rheumatologie am Rotes Kreuz Krankenhaus in Bremen, warum es bei einer rheumatischen Erkrankung zu Fatigue kommen kann, welche Unterstützung Patienten erhalten können und wie sich Aktivität positiv auf die Symptome auswirken kann.

 

1.) Herr Professor Kuipers, wie kommt es bei rheumatischen Erkrankungen zu Fatigue?

Prof. Kuipers: Die Mechanismen, die bei einer rheumatischen Erkrankung zu Fatigue führen, sind noch nicht vollständig geklärt. Wir wissen, dass Entzündungsprozesse im Körper und anhaltende Schmerzen zu Fatigue führen können. Außerdem wissen wir, dass Schlafstörungen, psychosoziale Belastungen, zum Beispiel eine fehlende Unterstützung durch Angehörige, oder eine Depression die Fatigue verstärken können. Es ist eine komplexe Wechselwirkung von unterschiedlichen Faktoren, die dazu führen, dass Rheuma-Patienten Fatigue erleben.

2.) Wie können Rheumapatienten feststellen, ob sie tatsächlich von Fatigue betroffen sind? Wie lassen sich andere Ursachen ausschließen?

Prof. Kuipers: Neben der rheumatischen Erkrankung selbst gibt es eine Reihe von Begleiterkrankungen, sogenannte Komorbiditäten, die Fatigue auslösen können. Das sind zum Beispiel eine Blutarmut, eine Störung der Herz-, Leber- oder Nierenfunktion, eine Schilddrüsenunterfunktion, ein starker Infekt oder eine Depression. Auch bestimmte Medikamente können müde machen. Der Rheumatologe klärt all dies ab und führt verschiedene Labortests durch. Über so eine Ausschlussdiagnose kann die Fatigue im Rahmen einer rheumatischen Erkrankung festgestellt werden.

3.)Welche Unterstützung kann der behandelnde Rheumatologe den Patienten bieten?

Prof. Kuipers: Der erste Schritt überhaupt ist das Gespräch über Fatigue. Der zweite Schritt ist die bestmögliche Therapie der ursprünglichen Krankheit. Wir wissen, wenn wir Rheuma-Patienten medikamentös gut einstellen, verbessern sich häufig auch die Fatigue-Symptome. Der dritte Schritt ist, dass der Patient aktiv wird: Dabei geht es um ein individuell angepasstes Bewegungsprogramm. Wir empfehlen, sich möglichst jeden Tag im Rahmen des Möglichen körperlich zu betätigen. Wichtig sind Regelmäßigkeit und Freude an der Bewegung. Auch eine sogenannte „Schlafhygiene“ kann helfen, sprich ein bewusst geregelter Tagesablauf: Aktivität und Bewegung am Tag, wenn wir von Licht umgeben sind, und Ruhe und Schlaf am Abend und in der Nacht. Bei schweren Verläufen gibt es zusätzliche psychologische Unterstützung, etwa durch eine Verhaltenstherapie.

Medikamente gegen die Fatigue, wie zum Beispiel Psychopharmaka, werden sehr zurückhaltend und nur in enger Absprache mit einem Psychiater eingesetzt. Dieser prüft, ob Fatigue möglicherweise das Symptom einer Depression ist. Zusammenfassend: Bei Fatigue im Rahmen einer rheumatischen Erkrankung muss zunächst die Medikation gut eingestellt werden. Untersuchungen zeigen, dass Biologika in der Lage sind, Fatigue signifikant zu verbessern. Aber auch durch eine gute Schmerztherapie können wir Betroffenen helfen.

4.) Wie können Patienten ihr Leben trotz Fatigue meistern? Welche Stellschrauben können den Alltag vereinfachen?

Prof. Kuipers: Es hilft, die Prioritäten im Leben noch einmal neu zu definieren. Was ist mir wichtig und was will ich eigentlich gar nicht? Wozu würde ich lieber auch einmal Nein sagen? Betroffene sollten den eigenen Leistungsdruck hinterfragen und nicht permanent mehr von sich verlangen, als sie mit einer chronischen Erkrankung leisten können. Das heißt nicht, dass man sich zurückziehen soll. Vielmehr geht es um eine gesunde Balance zwischen Anspannung und Entspannung. Es ist wichtig, die positiven Emotionen und Erlebnisse zu beachten und sich zu fragen, was einem wirklich wichtig ist und Freude bereitet. Wer sich diesen Dingen bewusst zuwendet, kann daraus viel Lebenskraft und Energie schöpfen. Diesen Weg zu finden, dabei kann eine Verhaltenstherapie genauso hilfreich sein wie der Besuch einer Selbsthilfegruppe.

5.) Welche Empfehlungen geben Sie Betroffenen zum Umgang mit Fatigue im Beruf?

Prof. Kuipers: Seinen Arbeitgeber oder den Betriebsarzt über die Fatigue zu informieren, kann das Gefühl von professioneller Rückendeckung geben. Gemeinsam lassen sich wichtige Fragen besprechen, wie zum Beispiel: Ist der Arbeitsplatz passend? Ist das Büro gut beleuchtet? Ist mein Arbeitsplatz ergonomisch ausgerichtet? Habe ich die Möglichkeit, aufzustehen oder muss ich die ganze Zeit sitzend arbeiten? Bekomme ich genügend frische Luft? Aber auch übergeordnete Themen kommen so auf den Tisch: Wie viele Stunden kann ich noch arbeiten? Worin kann mich mein Arbeitgeber generell unterstützen? Viele Arbeitgeber sind mittlerweile dafür sensibilisiert, bei chronischen Erkrankungen besser zu helfen. Es gibt Mittel und Wege, auch mit Fatigue ein aktives Leben und eben auch ein aktives Berufsleben zu führen.